Die Feine Backwarenindustrie 2011: Angespannte Ertragslage durch stark gestiegene Rohstoffkosten
Jahrgang 2012
Monday, 02 September 2013 13:46

süsswaren 3/2012

 

Nunmehr schon zum dritten Mal in Folge blickt die deutsche Feine Backwarenindustrie auf ein schwieriges Jahr zurück. 2011 war geprägt durch deutlich gestiegene Rohstoffkosten sowie teils Versorgungsschwierigkeiten bei wichtigen Rohstoffen, einem harten Wettbewerb im Markt, einer sehr angespannten Ertragslage und einem leicht rückläufigen Inlandsmarkt. Hinzu kamen ungünstige Witterungsbedingungen für das Saisongeschäft: Die sehr warmen Temperaturen im Oktober und November 2011 führten gegenüber dem kalten und früh einsetzenden Winter in 2010 zu spürbaren Einbußen für Lebkuchen, Spekulatius und andere Saisongebäcke.

 

Rückgang bei der Produktion

Die Produktion von Feinen Backwaren ging 2011 in der Menge um 1,9 % zurück und erreichte damit eine Tonnage von 745.480 t. Ebenso war der Produktionswert mit knapp 2,29 Mrd. € um 1,2 % rückläufig. Maßgeblich beigetragen haben zu diesem negativen Ergebnis der sehr schlechte Verlauf des Saisongeschäftes sowie die stark rückläufige Tendenz der frischen Waffeln. Über die Entwicklung der einzelnen Produktgruppen geben die Grafiken zur Produktion von Feinen Backwaren einen umfassenden Überblick.
Exportwachstum gebremst

Nachdem die Feine Backwarenindustrie im Jahr 2010 ihre Exporte sowohl in der Menge als auch im Wert steigern konnte, verliefen im zurückliegenden Jahr die Ausfuhren wieder gebremst und boten wenig Ausgleich zum leicht rückläufigen Inlandsmarkt. Die Exportmenge lag mit 322.892 t praktisch auf Vorjahresniveau (-0,3 %). Damit wurde knapp jede zweite produzierte Tonne, oder genauer ausgedrückt, 43 % der Produktionsmenge außerhalb Deutschlands abgesetzt.

Im Wert konnten die Ausfuhren leicht zulegen (+3,7 %) und erreichten einen Exportwert von knapp 931 Mio. €. 86 % der Ausfuhrmenge bzw. 83 % der wertmäßigen Ausfuhren gingen in die Partnerländer der EU, der Rest wurde in Drittländer exportiert. Wichtigste EU-Exportmärkte sind Frankreich und die Niederlande, gefolgt von Österreich, dem Vereinigten Königreich und Polen. Bei den Drittländern stehen unangefochten die USA und die Schweiz an vorderster Stelle.

Deutliche Zunahme der Importe

Während die Ausfuhren sich 2011 eher verhalten entwickelten, haben die Einfuhren nach Deutschland deutlich zugenommen. Insgesamt wurden 193.557 t Feine Backwaren im Wert von gut 526 Mio. € nach Deutschland eingeführt. Dies entspricht einer Steigerung der Importmenge um 5,4 %. Der Importwert hat mit 12,3 % sogar zweistellig zugelegt. Auch bei den Einfuhren haben sich bei den wichtigsten Partnerländern keine Veränderungen ergeben. Bei den Importen aus der EU, die ca. 90 % der gesamten Importe ausmachen, sind dies die Niederlande, Polen und Österreich sowie Belgien. Bei den Drittländern sind die Schweiz und die Türkei als wichtigste Importeure zu nennen.

Inlandsangebot und Pro-Kopf-Verbrauch im Minus

Trotz einer Vielzahl von Innovationen und neuen Produkten und den deutlich gestiegenen Importen muss – ebenso wie für die Produktion – für den Inlandsmarkt 2011 insgesamt ein leichtes Minus festgehalten werden. Nach den amtlichen Zahlen hat sich das Inlandsangebot um 0,7 % in der Menge und um 0,2 % im Wert reduziert und lag damit bei 609.380 t bzw. gut 1,87 Mrd. €. Der durchschnittliche Pro-Kopf-Verbrauch an Feinen Backwaren ist korrespondierend ebenfalls leicht gesunken und lag bei 7,45 kg im Wert von 22,91 €.

Erhebliche Verteuerungen bei wichtigen Rohstoffen

Stark beschäftigt hat die Fachsparte Feine Backwaren im Berichtszeitraum die Situation auf den Rohstoffmärkten. Diese ist geprägt durch erhebliche Preissteigerungen bei fast allen wichtigen Rohstoffen. Ob Zucker, Weizen, pflanzliche Öle und Fette, Butter, Mandeln oder Haselnüsse sowie jüngst Eier und Eiprodukte – überall haben die Preise deutlich angezogen. Erschwerend kommen die erheblichen Kostensteigerungen bei Energie und auch bei Verpackungen hinzu. Zudem verschärften teils noch Versorgungsengpässe wie z. B. beim Zucker oder teils auch bei Eiern die Situation. Die Kombination von explodierenden Kosten und Versorgungsengpässen mit einem gleichzeitig scharfen Wettbewerb, der es schwierig bis unmöglich macht, die Kostensteigerungen weiterzugeben, führt zu einer stark angespannten Ertragslage der Branche. Insgesamt gestalten sich der Rohstoffeinkauf und die Rahmenbedingungen für die Feine Backwarenindustrie immer unkalkulierbarer.

Beim wichtigen Rohstoff Zucker unterstützten die Unternehmen der Fachsparte Feine Backwaren die intensiven Bemühungen des BDSI für eine Reform der Zuckermarktordnung. Beim ebenso für die Feine Backwarenindustrie bedeutenden Rohstoff Kakao befasste sich die Branche in den letzten Monaten ausführlich mit dem Thema Nachhaltigkeit und die Fachsparte trägt die diesbezügliche Nachhaltigkeitsinitiative des BDSI mit.

Trans-Fettsäuren: Branche hat schon lange minimiert

Im Sommer 2010 hatte das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz (BMELV) eine Initiative zur Minimierung von Trans-Fettsäuren (trans fatty acids, TFA) in Lebensmitteln gestartet. Dazu wurde eine Arbeitsgruppe eingerichtet, in der der BDSI mitgearbeitet hat. Im Rahmen der Initiative hat u. a. die Fachsparte Feine Backwaren einen Leitfaden zur TFA-Minimierung in ihren Produkten erarbeitet. Inzwischen sind alle Arbeiten so gut wie abgeschlossen und werden in Kürze publiziert. Die industriellen Hersteller von Feinen Backwaren haben – unabhängig von der jüngsten gemeinsamen Initiative – bereits vor geraumer Zeit die TFA-Gehalte in ihren Produkten auf Empfehlung des BDSI deutlich minimiert. Die Gehalte an TFA in industriellen Feinen Backwaren liegen inzwischen i. d. R. unter 2 % oder oftmals sogar unter 1 % bezogen auf den Fettgehalt. Dies haben jüngste Untersuchungen des Lebensmittelchemischen Institutes des BDSI zu TFA-Gehalten in verschiedenen Süßwaren nochmals bestätigt.

10 Jahre Acrylamid – eine Erfolgsstory

Im April 2002, also vor nunmehr zehn Jahren, wurde das Vorkommen von Acrylamid in Lebensmitteln entdeckt. Die Mitglieder der Fachsparte Feine Backwaren haben von Beginn an mit Hochdruck Rezepturen und Prozesse verändert und äußerst erfolgreich die Acrylamidgehalte minimiert. Diese Minimierungserfolge lassen sich deutlich in der Entwicklung der deutschen Signalwerte für Acrylamid erkennen. Anfang 2011 wurde das deutsche Signalwertkonzept von einem europäischen Ansatz mit sog. „indicative values“ abgelöst. Diese haben einen ähnlichen Charakter und – abgesehen von dem Wert für Waffeln – ähnliche Größenordnungen wie die deutschen Signalwerte für Acrylamid. Für alle Produktgruppen, für die „indicative values“ festgelegt worden sind, gelten nunmehr die europäischen Werte. Für Produkte wie z. B. Lebkuchen, für die auf EU-Ebene kein Wert festgesetzt worden ist, gilt weiterhin der deutsche Wert. Bis Ende 2012 soll das europäische Minimierungskonzept evaluiert werden. Die turnusgemäße nächste Berechnung der verbleibenden deutschen Signalwerte für Lebkuchen, Kartoffelpuffer und Ersatzkaffee wird voraussichtlich im zweiten Halbjahr 2012 stattfinden.

 

Beate Olzem
Geschäftsführerin im BDSI